Darm-Hirn-Achse
Darmbakterien: Wer beeinflusst hier eigentlich wen?
Entscheidet dein Darm mit, wie hungrig oder gesund du bist? Über Mikrobiom, Darm-Hirn-Achse und was du täglich beeinflusst.
Was wäre, wenn dein Darm mitentscheidet, wie hungrig, ängstlich oder gesund du bist?
Das klingt zunächst unglaublich. Doch genau diese Frage beschäftigt die Forschung seit vielen Jahren.
Unser Darm beherbergt Billionen von Mikroorganismen: das sogenannte Mikrobiom. Lange dachte man, sie helfen uns lediglich bei der Verdauung. Heute wissen wir: Sie stehen in engem Austausch mit unserem Immunsystem, unserem Stoffwechsel und sogar mit unserem Gehirn.
Können Darmbakterien dick machen?
Eine der bekanntesten Studien stammt von Peter Turnbaugh und Kollegen. Die Forschenden übertrugen Darmbakterien von übergewichtigen Mäusen auf keimfrei aufgezogene, schlanke Mäuse. Obwohl beide Gruppen gleich viel fraßen, entwickelten die Mäuse mit dem „übergewichtigen Mikrobiom” deutlich mehr Körperfett.
Die Erklärung: Das übertragene Mikrobiom konnte Energie aus der Nahrung effizienter gewinnen und veränderte den Stoffwechsel der Tiere.
Natürlich bedeutet das nicht, dass Darmbakterien allein über unser Körpergewicht entscheiden. Aber sie sind offenbar ein wichtiger Mitspieler.
Kann das Mikrobiom unser Gehirn beeinflussen?
In den vergangenen Jahren hat die Forschung immer deutlicher gezeigt, dass unser Darm weit mehr ist als ein Verdauungsorgan. Das Darmmikrobiom scheint nicht nur Einfluss auf Verdauung und Immunsystem zu haben, sondern steht auch in engem Zusammenhang mit unserer psychischen Gesundheit.
Die Darm-Hirn-Achse: die Informationsautobahn
Darm und Gehirn stehen über die sogenannte Darm-Hirn-Achse kontinuierlich miteinander in Verbindung. Dieses komplexe Kommunikationssystem umfasst Nervenbahnen – insbesondere den Vagusnerv –, Hormone, das Immunsystem und verschiedene Botenstoffe. Über diese Wege werden laufend Informationen zwischen Gehirn und Verdauungstrakt ausgetauscht.
Auch das Mikrobiom ist Teil dieser Kommunikation. Darmbakterien bilden Stoffwechselprodukte und Botenstoffe, die direkt oder indirekt Einfluss auf Prozesse im Gehirn nehmen können. Gleichzeitig wirken sich psychische Belastungen wie Stress oder Angst auf die Darmfunktion aus. Viele Menschen kennen Bauchschmerzen oder Verdauungsprobleme in belastenden Situationen.
Diese wechselseitige Verbindung macht deutlich, warum Darm und Psyche nicht getrennt voneinander betrachtet werden sollten.
Pflanzt man keimfreien Mäusen die Darmflora depressiver Personen ein, entwickeln die Tiere ebenfalls ein depressives Verhalten: Sie sind energieloser, fressen weniger und zeigen weniger Interesse an ihrer Umgebung als ihre Artgenossen. Andere Studien zeigen, dass Probiotika die antidepressive Therapie betroffener Menschen unterstützen und verbessern können.
Schon wenige Tage Ernährung verändern dein Mikrobiom
Nicht nur unsere Darmbakterien beeinflussen uns. Wir beeinflussen sie ebenfalls – jeden Tag.
Studien zeigen, dass bereits eine Ernährungsumstellung innerhalb weniger Tage die Zusammensetzung des Mikrobioms verändern kann. Welche Lebensmittel wir essen, wie viele Ballaststoffe wir aufnehmen, wie wir schlafen oder wie hoch unser Stresslevel ist – all das verändert die Lebensbedingungen unserer Darmbewohner.
Mit jeder Mahlzeit fütterst du nicht nur dich selbst, sondern auch deine Darmbakterien.
Was bedeutet das für deinen Alltag?
Auch wenn viele Erkenntnisse aus Tiermodellen stammen und sich nicht eins zu eins auf den Menschen übertragen lassen, zeigen sie eindrucksvoll, wie eng unser Mikrobiom mit verschiedenen Körperfunktionen verbunden ist. Die bisherigen Erkenntnisse sprechen dafür, der Darmgesundheit mehr Aufmerksamkeit zu schenken.
Jeden Tag beeinflussen wir unsere Darmbakterien durch:
- unsere Ernährung
- Ballaststoffe
- Bewegung
- Schlaf
- Stress
- Medikamente, insbesondere Antibiotika
- Rauchen und Alkohol
Und unsere Darmbakterien beeinflussen wiederum Prozesse wie:
- die Verdauung
- den Blutzucker
- das Immunsystem
- Entzündungsprozesse
- die Produktion kurzkettiger Fettsäuren
- die Kommunikation zwischen Darm und Gehirn
Quellen
Schaub AC, Schneider E, Vazquez-Castellanos JF, et al. Clinical, gut microbial and neural effects of a probiotic add-on therapy in depressed patients: a randomized controlled trial. Transl Psychiatry. 2022. doi: 10.1038/s41398-022-01977-z.
Refisch A, Walter M. Die Bedeutung des humanen Mikrobioms für die psychische Gesundheit. Nervenarzt. 2023 Nov;94(11):1001–1009. doi: 10.1007/s00115-023-01552-x. PMID: 37847418.
Valles-Colomer M, Falony G, Darzi Y, et al. The neuroactive potential of the human gut microbiota in quality of life and depression. Nat Microbiol. 2019 Apr;4(4):623–632. doi: 10.1038/s41564-018-0337-x. PMID: 30718848.
Huang R, Wang K, Hu J. Effect of Probiotics on Depression: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. Nutrients. 2016 Aug 6;8(8):483. doi: 10.3390/nu8080483. PMID: 27509521.